Die Kirchenglocken der Wallfahrtskirche

 von Karl Kurrus
 

GROSSE GLOCKE (Christus-Glocke) von St.Martin

datiert 1256

Schrift: A D: MCCLVI XPC VINCIT XPC REGNAT XPC IMRAT +

(Anno domini 1256, Christus siegt, Christus regiert, Christus herrscht).

110 cm Durchmesser, 790 kg schwer, Ton: gis.

 

Mit fast noch zylindrischer Form hat diese Glocke einen weiten Mantel, der sich nach unten energisch ausweitet. Die glatten Profilschnüre am Hals und die dazwischen befindliche Schrift — gotische Majuskeln (Großbuchstaben) — sind die ganze Ornamentik, ergänzt durch einen flachen Wulst in der Kehle.

BETZEIT-GLOCKE von St.Martin

Mitte 14. Jahrhundert

Schrift: O REX GLORIE CHRISTE VENI NOBiS CVM PACE + OSANNA -I- -I-

(O König der Glorie, Christus komme in Frieden)

und die Fortsetzung in deutscher Schrift: WER DISE GLOKE BECH/OVVE DEN BECHIRME VNSER FROVVE.

110 cm Durchmesser, 785 kg schwer, Ton: g

 

Die Doppelsprachigkeit und damit auch die frühe Verwendung der deutschen Sprache machen diese Glocke zu einer der interessantesten Deutschlands (Sauer). Von fast zylindrischer Form hat sie als Ornamentik nur zwei naturalistische Strickschnüre oben am Hals. Dazwischen die zweisprachige Inschrift.

Die Glocke mußte wiederholt wegen eines aufgetretenen Sprunges geschweißt werden. Diese Glocke, welche keine eingegossene Jahreszahl hat, wurde bisher allseits auf Mitte des 13. Jahrhunderts geschätzt. Im neu herausgebrachten Deutschen Glockenatlas, Band 4 —Baden (S. 272) hat die anerkannte Sachverständige, Frau Dr. Sigrid Thurm, München, die Datierung mit Mitte 14. Jahrhundert vorgenommen. Sie stützt sich dabei besonders im Bezug auf die Art der eingegossenen Buchstaben, die „von ungewöhnlicher Reliefstärke" sind, auf Vergleiche mit einer Glocke auf dem Breisacher Münster (vermutlich von einem Basler Gießer um die Mitte des 14. Jahrhunderts gegossen) und auf eine Glocke von 1361 auf dem Reichenauer Münster. Frau Dr. Thurm verdient unsererseits hohe Anerkennung und Dank für ihre sorgfältigen, fachlich hochstehenden Nachweise unserer Glocken in dem von ihr geschaffenen Badischen Glockenatlas.

KLEINE GLOCKE von St. Martin

datiert 1714,

Schrift: DVM SONO PELLO VOCO TONO TRISTIA TINNIO GRATA TV GEMIS ARRIDES HINC FVGIS HAC PRORERAS PAROC IO(hann)ES LAVR SARTORIS S. THEOLOGIAE BACCALAUREUS PROTHONOTARIUS ET MISS(ionarius) APOSTOLICVS.

(Wenn ich klinge, anschlage, rufe. Trauriges künde und Frohes sage, du seufzest und lächelst, du hierher fliehst, du hierher eilst. . .)

82 cm, 320 kg, Ton: h

 

Zwischen zwei senkrechten Rankenbordüren ist in Münzform das Wappen von Endingen eingelassen. Darunter die Schrift, ebenso wie der obige Text in lauter großen Buchstaben: H. lOH. SHMIDT BVRGERMAISTER. Muttergottes mit Zepter auf Sockel, daneben hl. Martinus zu Pferd und Bettler; darunter BIS PATROCINANTIBVS.

 

In der Zeit von Stadtpfarrer Dr. Isidor Frank wurden im Jahre 1981 in Heidelberg zwei Glocken gegossen, die das Geläute auf dem Turm der St.Martinskirche ergänzen.

 

CLEMENS-(FRIEDENS-)GLOCKE von St. Martin

1981

Schrift: SIE WERDEN IHRE SCHWERTER UMSCHMIEDEN ZU PFLUGSCHAREN UND IHRE SPEERE ZU WINZERMESSERN.

Ton: f.

 

Abbildungen auf der Glocke: Zwei Männer tragen eine große Weintraube. Unter der Traube, die Stadt Endingen mit den Kirchtürmen; das Lamm Gottes (wie Tympanon vom Eingang der Martinskirche) und Petrus (wie über dem Portal der Peterskirche). Schmuck mit Weinlaub und Trauben, dazwischen Vögel. An der Krone der Glocke sind Frösche abgebildet.

JAKOBUS-(FREIHEITS-)GLOCKE von St.Martin

1981

Schrift: IHR SOLLT ERFAHREN DASS ICH JAHWE BIN, DER EUCH VOM DRUCK DER ÄGYPTISCHEN FRON BEFREIT HAT.

Ton: d

 

Abbildungen: Der hl. Jakobus, dabei Vignette der Stadt Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens. (Dort ist das Grab des hl. Jakobus). Daneben das Stadtwappen von Endingen. Als Zeichen der Freiheit: der Durchgang durch das Rote Meer. Linke Seite der Glocke: das Bild der Muttergottes von der Oberen Kirche. Auf der rechten Seite das Wappenschild vom Sakramentshäuschen der Oberen Kirche aus dem Jahre 1471. Oberer Glockenrand: Tiere von Feld und Wald der Heimat. An der Krone: Köpfe von Haustieren.